Rhodes Ultra Marathon unter afrikanischer Sonne
Ein Bericht über eine andere Art von Marathon von Michael Schwarz
Selbst in guten Reiseführern über Südafrika wird man kaum mehr als 2
Sätze über "Rhodes" fin-den. Hervorgehoben wird die Geschichte
seiner Namensgebung - die Einwohner hofften, dass "Cecil Rhodes", die
Umbenennung ihres Dorfes von "Rossville" in "Rhodes" mit
einer stattlichen Summe honorieren würde. Cecil Rhodes erwies sich übrigens
vor über 100 Jahren als ziemlich knauserig und schickte nur einen Sack
Nadelbaumsamen nach Rhodes.
Die
Ortschaft blieb was sie war und heute noch ist - ein armseliges Bauerndorf. Der
einzige Grund "Rhodes" zu besu-chen, wird in keinem Reiseführer
erwähnt. Es ist der seit 15 Jahren ausgetragene
"Rhodes-Ultra-Marathon". Die Startnummern sind begehrt und rar. Sie
werden quasi weitervererbt oder, was sel-ten genug der Fall ist, an gute Freunde
für ein Jahr übertragen. Ich hatte das Glück, einen netten Kollegen kennen zu
lernen, der sein Startrecht dieses Jahr an mich abtrat. Ich zögerte lange, ob
ich das großzügige Angebot annehmen sollte. Nicht weil ich etwa Skrupel gehabt
hätte, sondern weil der Rhodes-Ultra-Marathon seinen ganz eigenen Ruf hat und
der ist von zumindest zweifel-haftem Charakter.
Rhodes liegt in der weiten Einöde der Drakensberge und ist für sein raues
Klima berüchtigt. 1.860 m über dem Meeresspiegel gelegen, sind die Nächte
frostig und Temperaturen bis -15°C nicht ungewöhnlich. Rhodes erreicht man am
besten über "Barclay East". Barclay East liegt, von Jo-hannesburg,
Durban oder East London aus betrachtet, fast am Ende der Welt. Fast, denn Rhodes
liegt eben noch ein Stück weiter entfernt. Von Barclay East aus sind es noch
etwa 1¼ Autostun-den bis Rhodes. Vorausgesetzt man hat ein allradangetriebenes
Fahrzeug, denn die Straße von Barcalay East nach Rhodes ist eine sogenannte
"Dirt-road", also eine Schotterstraße.
Wir
kamen freitags erst gegen 18:00 Uhr und somit nach Einbruch der Dunkelheit in
Rhodes an. Um ein Haar wären wir an Rhodes vorbei bzw. durch Rhodes hindurch
gefahren, ohne es zu bemerken. Rhodes hat keine Straßenbeleuchtung und ist im
Dunkeln leicht zu verfehlen. Dank "Joel" blieb uns dieses Missgeschick
erspart. Joel spricht Xhosa und hat, als wir bereits zwei-felten, auf dem
richtigen Weg zu sein, zwei Einheimische nach dem Weg gefragt. Den beiden war
Rhodes ein Begriff und so hielten wir 10 Minuten Ecke Muller- und Ross-Street an
und fragten einen Passanten nach dem Weg zum "registration office".
Wir standen genau davor. Es war im Dunkeln eben nur leicht zu übersehen. Die
Formalitäten waren schnell erledigt. Es ist das Event des Jahres und das ganze
Dorf, also alle 400 Einwohner, helfen mit, um die mehr als doppelte Anzahl von
Besuchern zu verköstigen, die Strecke zu markieren,
Verpflegungsstationen
für die Läufer aufzubauen und stellen selbstlos den letzten Quadratmeter
freien Raum für "ac-comodation" zur Verfügung. Ich war spät dran
mit meiner Anmeldung, der letzte Quadratmeter "accomodation" war auch
bereits vermietet und so mussten wir auf den allerletzten ausweichen. Es war
tatsächlich das Allerletzte. Fünf Kilometer außerhalb von Rhodes gelegen, in
einem alten Nebengebäude eines vor zwei Jahren abgebrannten Hofes, keine
Nachbarn im Umkreis von 2 Ki-lometern, ein Raum, nicht verschließbar, aber mit
Toilette. Die Toilette war auch nicht verschließ-bar - war auch nicht
notwendig, da es auch keine Toilettentür gab. Die Bettwäsche roch etwas
muffelig, die Matratze war durchgelegen - aber sonst waren wir zufrieden. Nun
ja, 600 Rand für eine Nacht waren etwas viel, aber von irgend etwas muss ein
armer Schaffarmer auch leben.
"You will enjoy it!", hatte mir mein Kollege Geoff Wade mit auf den
Weg nach Rhodes gegeben. Ganz sicher war ich mir dessen allerdings nicht als ich
am Start stand. Nicht nach dieser Nacht und erst recht nicht in Anbetracht der
bevorstehenden 52 Kilometer. Immerhin, das Wetter meinte es gut mit mir. Nicht
die erwarteten -10°C, sondern angenehme -2°C beim Start und ein schnee-freier
Gipfel - Rhodes hatte schon ganz andere Bedingungen zu bieten.
Pünktlich um 7:00 Uhr erfolgte der Startschuss. Das Feld der 316 Teilnehmer
setzte sich langsam in Bewegung und anders als bei einem Stadtmarathon, ließen
es auch die Spitzenläufer eher verhalten angehen. Die ersten 4 Kilometer waren
flach, dann stieg der Weg sanft bergan. Ich ließ mir Zeit. Einen Schnitt von 7
min/km und damit eine Gesamtzeit von etwa 6 Stunden hatte ich mir vorgenommen.
Nach 1½ Stunden erreichte ich Kilometer 15. Noch fühlte ich mich wohl und
spürte nicht, dass ich die letzten zwei Monate weniger Trainingskilometer
absolviert hatte als sonst in zwei Wochen. Die "dirt-road" der ersten
Kilometer hatten wir längst verlassen. "You will enjoy it!" - bisher
jedenfalls hatte Geoff Recht behalten. Ein erster steiler Anstieg entlang einem
schmalen Wanderweg, von Stein zu Stein über Bergbäche, über Zäune klettern -
es war alles geboten, um die Strecke abwechslungsreich zu gestalten.
Abwechslungsreich und schwer
.
Für die nächsten 2 Kilometer benötigte ich 20 Minuten. Die
Verpflegungsstation bei Kilometer 17 war gut frequentiert. Es war die letzte vor
dem großen Anstieg. Bis Kilometer 19 benötigte ich wieder 20 Minuten und dann
lag sie vor mir - die Wand. Der Steilanstieg, der Rhodes so berüchtigt macht.
Von etwa 2.000 mNN auf über 2.600 mNN. Durch hüfthohes Gras, bei jedem Schritt
suchend, wo man den Fuß aufsetzen kann, war nur noch Gehen möglich. Gegen die
Sonne blinzelnd sah ich die Läuferschlange, die sich den Berg emporquälte.
"You will enjoy it!" Nein! Als ich nach 2:52:13 Stunden die "Kloof",
die Halbmarathonmarke auf 2.600 mNN erreicht hatte, konnte davon keine Rede mehr
sein. Der Streckenrekord bis zum Kloof liegt übrigens bei 1:53:48. Aufgestellt
vom King of the Kloof "Dirkie Moolman" 1995. Dirkie hatte den
Rhodes-Marathon damals nicht gewonnen, aber er hat ihn immerhin beendet. Ich war
nicht sicher, ob ich das heute ebenfalls schaffen würde. Ich versuchte, wieder
zu Kräften zu kommen und gönnte mir auf dem Kloof eine Tasse warme Suppe und
einen Becher Wasser. Nach 5 Minu-ten machte ich mich wieder auf den Weg. Bis
Kilometer 26 wollte ich es schaffen. Dann war ich wenigstens ein halber
Rhodes-Marathoni. Das Gelände stieg weiterhin an, aber immerhin es war wieder
eine "dirt-road" und nicht off-road, wie die vorangegangenen 12
Kilometer. Temperaturen weit unter 0°C, die Höhe von 2.600 mNN und ein starker
Gegenwind ließen nur Walken für mich zu. Kilometer 26 hatte ich halb joggend,
halb walkend erreicht. Mein nächstes Ziel war Kilometer 31, dann wäre ich nur
noch einen Halbmarathon vom Ziel entfernt. Nach knapp 4 Stunden hatte ich auch
diese Zwischenetappe erreicht. Noch nie war ich so lange am Stück gelaufen.
In langgezogenen Serpentinen wandt sich die "dirt-road" durch die
kahle, grau-braune Einöde der Drakensberge. Das Gelände fiel sanft bergab, der
eisige Wind des Bergkammes war nicht mehr zu spüren und langsam erholte ich
mich wieder. Jetzt wollte ich wissen, ob auch heute bei Kilo-meter 35 der
"Mann mit dem Hammer" auf mich wartete. Er war nicht da. Noch sieben
Kilometer bis Kilometer 42. Die Marathondistanz wollte ich noch schaffen, alles
was danach kam war Zuga-be. Es lief erstaunlich gut. Ich beschleunigte und meine
Kilometerzeiten lagen wieder bei knapp unter 6 min/km. Bis Kilometer 37 war es
ein entspanntes Laufen. Sanft bergab, leichter Rücken-wind, sonnig aber nicht
zu warm. Dann ein Geländeknick, die Straße stürzte ins Tal. So steil, dass
jeder Schritt wieder zur Qual wurde. Meine Oberschenkel brannten. Nach 5:11:30
hatte ich Kilo-meter 42 erreicht. Mein 14. Marathon! Jetzt wollte ich meinen
ersten Ultra-Marathon auch erfolg-reich beenden. "You will enjoy it!"
Nicht wirklich, aber ich fühlte mich erstaunlich frisch. "Mister Bean"
von den Oxford Striders hatte mir geraten, auf die Innenseite meiner Finger
"R - E - L - A -X" zu schreiben. Ich erinnerte mich daran und
verdrängte den Gedanken, unter 6 Stunden ins Ziel kommen zu müssen. Es war gut
so. Warum, egal wie lange ein Lauf ist, die letzten beiden Ki-lometer immer die
mühsamsten sind? Ich weiß es nicht, aber ich brachte auch die beiden hinter
mich. Nach 6:16:01 durfte ich mich als Rhodes-Finisher fühlen. Die
Finisher-Medaille um den Hals, durfte ich noch ein kurzes Interview geben bevor
mir Susanne, Julia und Maike um den Hals fielen. Geoff sollte doch recht
behalten: "I enjoyed it!". (Michael Schwarz)