Senioren unterwegs
Seniorenausflug Januar 2010 nach Schorndorf
Neue Ideen aus einer alten Stadt
„Auf den Spuren von GottliebDaimler": Unter diesem Motto machten sich die Senioren im Januar auf den Wegnach Schorndorf. Wir begegneten dort dann nicht nur dem Erfinder des Benzinmotors,sondern auch noch weiteren hellen Köpfen, die es riskierten, neue Wege zugehen: Ernst Heinkel (1888-1958) und Paul Strähle (1893-1985).
Aber der Reihe nach. Vom Bahnhofsind es nur ein paar Schritte zum Marktplatz mit seinen eindrucksvollenHäuserfronten und dem schönen alten Rathaus - dieses allerdings zur Renovierungganz eingerüstet und mit Planen verkleidet. Wir trösten uns damit, dass ja auchder Reichstag durch das Verhüllen an Kontur gewonnen hatte (bitte den Begriff‚Verpacken' zu vermeiden, gegen den sich der Künstler Christo zu Recht gewehrthat: er wollte die Gebäude ja nicht mit der Post verschicken ...). Dort begrüßt uns als Stadtführer Herr Häge und bietet der Gruppe für die nächsten 1 ½ Stundeneine ebenso vergnügliche wie lehrreiche Mischung aus Information undUnterhaltung. 
Er berichtet kurz über die Geschichte der Stadt, die im 16.Jahrhundert zu einer württembergischen Landesfestung ausgebaut wurde. Dabeiauch über die Spannungen mit der benachbarten freien Reichsstadt SchwäbischGmünd, deren Nachklänge sogar heute noch manchmal zu spüren sind. Aber auch daswürttembergische Stuttgart und die Reichsstadt Esslingen gingen ja einstmalsnicht immer freundlich miteinander um ... Zunächst führt unser Weg an schönenFachwerkhäusern vorbei durch die Höllgasse. Dieser Name verweist allerdingsnicht auf finsteres Teufelstreiben, sondern kommt - im Gegenteil - von „helleGasse": Die Häuser standen dort in größerem Abstand als üblich - allerdingserst nachdem eine ganze Zeile abgebrannt war. Eine permanente Gefahr für dieStädte früherer Jahrhunderte; das hatten wir ja schon in Waiblingen erfahrenmüssen.
Unser erstes Ziel ist dann das Gebäude der ehemaligen Eisenmöbelfabrik Arnold, einsteines der größten Unternehmen im Remstal, das seine Produkte in die ganze Weltlieferte. Heute ein denkmalgeschützter Komplex, der neu genutzt wird:Geschäfte, Café, Arztpraxen, Büros, städtische Ämter - und die „Galerien fürKunst und Technik." Im Foyer treffen wir dort auf eine Figur mit einer rotenFahne: eine politische Demonstration in Schorndorf? Das kann doch wohl nichtsein! Und in der Tat: Es ist vielmehr eine Einführung in das ThemaMotorisierung des Verkehrs. Mit diesem Signal sollten in den Anfängen andereStraßennutzer vor den gefährlichen, lärmenden, sich selbst bewegenden Fahrzeugengewarnt werden, für die sich nach ‚Motorkutsche' schließlich diegriechisch-lateinische Bezeichnung ‚Auto-mobil' einbürgerte. Im Innenraumkönnen sich dann die Besucher über verschiedene Aspekte der weiterenEntwicklung informieren: Nicht nur die fertigen Produkte werden gezeigt, Autos,Motorräder, ein riesiger Dieselmotor, Modelle von Lokomotiven - man wird auchzu eigener Aktivität eingeladen: Das Schnittmodell eines Motors in Bewegungsetzen, an Monitoren Informationen abrufen

oder auch auf einem viersitzigen Tretapparatmit Muskelkraft Strom erzeugen. Lebensgroß sehen wir den FlugzeugkonstrukteurErnst Heinkel am Reißbrett stehen (zwar nicht hier geboren sondern in Grunbach,aber immerhin im Remstal). Nach dem Krieg musste er sich - wie auch seinKollege Messerschmitt und die Junkers-Werke - anderen Erzeugnissen zuwenden:Motorroller wurden produziert, Kabinenroller und - bei manchem Teilnehmerwurden da Jugenderinnerungen wach - das für seine Zeit ausgesprochen fortschrittlicheund formschöne Moped „Heinkel Perle". Über unseren Köpfen schwebt dasOriginalflugzeug von Paul Strähle, auch er als Flugpionier in voller Monturvertreten. Nach Einsätzen als Aufklärer und Jagdflieger im 1. Weltkrieg konnteer 1921 einen Passagier- und Postdienst zwischen Stuttgart, Konstanz undNürnberg einrichten. Als die Lufthansa das Monopol für Linienflüge erhielt,wandte er sich der Luftbildfotografie zu; so entstanden mehrere 10 000Aufnahmen - wertvolle Dokumente, die zum großen Teil noch erhalten sind.
Danach führt uns Herr Häge zum Geburtshaus von Paul Daimler (1834-1900), das voreinigen Jahren von dem nach ihm benannten Konzern erworben und in dem ein Museumeingerichtet wurde. Hier können wir seinen Lebensweg und sein Werk anhand vonTextdokumenten, Bildern, Originalobjekten und Modellen verfolgen. Wirverstehen, dass er den Geist seiner Zeit erfasst haben musste und begierig war,die neuesten technischen Entwicklungen kennenzulernen. Wer das im 19.Jahrhundert wollte, musste nach England gehen (nicht zufällig taten das ja auchMarx und Engels ..) Dort besucht er gleich eine ganze Reihe von Firmen,übernimmt danach in Deutschland Aufgaben in verschiedenen Unternehmen undstellt schließlich in der Werkstatt im Gartenhaus seiner Cannstatter Villa dieVersuche an, deren Ergebnis wir alle kennen. Wir sollten uns dabei aber auch anseinen langjährigen engen Mitarbeiter, Wilhelm Maybach (1846-1929) erinnern.Die Maybach-Wagen allerdings, Fahrzeuge der obersten Klasse, ließ ab 1921 seinebenfalls hochbegabter Sohn, Karl Maybach, produzieren. Unsere Gruppe darfsogar einen Blick in die oberen Stockwerke werfen, die zum Teil für besondereVeranstaltungen gemietet werden können (es gäbe z.B. die Möglichkeit, dort nochmal zu heiraten!) und wo sich auch manchmal die Vorstandsriege des Unternehmensmit handverlesenen Gästen trifft ...
Wir danken Herrn Häge für die gelungene Führung und begeben uns zum traditionellenund freudig erwarteten Schlusspunkt unserer Seniorenausflüge, dem gemütlichenBeisammensein. Wir haben es dafür nicht weit: In dem ehemaligen Arnold-Komplexist eine Gaststätte und Brauerei mit dem viel versprechenden Namen „Kesselhaus"eingerichtet worden - da ist dann auch für Speis und Trank gesorgt. Nur eineFrage bewegt uns anschließend auf der Heimfahrt: Wie kommt es wohl, dass dieseGegend so knitze Leute hervorgebracht hat? Man muss ja nicht gleich den Begriff‚Genie' bemühen, aber besonders fähige, unternehmungslustige Köpfe waren es aufjeden Fall. Ob das gar etwas mit dem Remstäler Wein zu tun haben sollte? (BernhardVölker)