Boston
- Marathon 21. April 2003
- ein persönlicher (Leidens-) Bericht -
Der Boston-Marathon ist der älteste und berühmteste Marathon der Welt. Er
fand in diesem Jahr bereits zum 107. Mal am US-Feiertag `Patriots-Day` statt.
Der Marathon gilt als Elite-Lauf. Es dürfen nur Sportler teilnehmen, die sich
qualifiziert haben. Je nach Geschlecht und Altersklasse werden
Qualifikations-Zeiten gefordert. Die Zeiten müssen in einem Zeitraum von 15
Monaten vor dem Boston-Marathon in offiziellen Marathon-Veranstaltungen erreicht
worden sein und sind der Boston Athletic Association nachzuweisen.
Im Januar stellte sich heraus, dass ich eine geschäftliche Konferenz in Boston
besuchen musste. Der Termin passte perfekt. 4 Tage nach Konferenz-Ende fand der
Marathon statt. Über das Internet meldete ich mich an. Die Prüfung meiner
angegebenen Qualifikationszeit (3.33 Std. in Basel) nahm Wochen in Anspruch.
Erst kurz vor Reiseantritt erhielt ich meine Startberechtigung (confirmation)
übermittelt. Gleichzeitig wurde die stolze Startgebühr von 115 $ von meinem
Kreditkartenkonto abgebucht.
Die Vorbereitung
Wie jedes Jahr bereitete sich das Marathon-Team des Schi-Vereins in den
Wintermonaten gewissenhaft auf das Wettkampfjahr vor. Jeden Sonntagmorgen um
08.00 Uhr standen lange Läufe auf dem Programm. Dabei war es nicht immer
angenehm, teilweise mehr als 3 Stunden allen Wetterbedingungen zu trotzen. Am
22.3.03 nahm ich noch mit weiteren 5 Läufern des Schi-Vereins an der Deutschen
Meisterschaft im Halbmarathon in Burghaslach teil. Auf einer schwierigen Strecke
mit brutalem Gegenwind erzielten wir Läufer vom Schi-Verein beachtliche Zeiten.
In der Mannschaftswertung der Altersklasse M60 wurde der 6. Gesamtplatz
erreicht. Ich fühlte mich in Form, Boston konnte kommen. Ich war überzeugt,
einen guten Wettkampf zu absolvieren. Eine Endzeit unter 3.30 war mein Ziel.
Leider kommt es dann meistens anders als man denkt.
Nach unserem letzten langen Trainingslauf am 30.3.03 auf der schwierigen 32 km
langen Betzenbergstrecke packte mich eine Erkältung. Da sich mein Zustand von
Tag zu Tag immer mehr verschlechterte, suchte ich einen Arzt auf. Dieser, selbst
ein aktiver Läufer, stellte eine Virus-Grippe fest und verordnete eine
Antibiotika-Behandlung. Die Medikamente musste ich auch noch in den ersten
Boston-Tagen zu mir nehmen.
Boston - Massachusetts
Am 12.04. kam ich in Boston an. Es war kalt und windig. Die Vegetation weit
hinter unserer zurück. In den Parkanlagen wagten sich gerade die ersten
Tulpentriebe aus dem Boden. Nach 2 Tagen unternahm ich morgens den ersten
kleinen Trainingslauf. Nach ca. 30 Minuten fühlte ich mich völlig ausgelaugt.
Der Gedanke an den bevorstehenden Marathon war erschreckend. Aber es waren ja
noch ein paar Tage. Nach der Konferenz verließ ich für 3 Tage Boston, um an
die Niagarafälle zu reisen und kam am Sonntag, 20.04., zurück. Das Wetter
hatte sich völlig verändert. Es war sehr warm, aber weiterhin windig. Die
übliche Pasta-Party am Vorabend des Marathons vor dem Bostoner Rathaus war
Spitzenklasse. Eine tolle Atmosphäre, gute Musik und eine hervorragende
Verpflegung. Am Marathontag wurden wir mit Bussen um 7.00 Uhr morgens zum
Startort Hopkinton transportiert. In Hopkinton war ein Riesen-Zelt
aufgeschlagen. Auch das Freigelände glich einem gigantischen Heerlager. Eine
Kapelle spielte bekannte Musikstücke. Diverse Sänger heizten die Stimmung mit
patriotischen Liedern auf. Mehrmals wurde dabei auch die amerikanische
Nationalhymne gespielt. Als dann noch 2 Phantom-Flugzeuge über uns flogen und
mit den Tragflächen wackelten, kannte die Stimmung und die Begeisterung keine
Grenzen mehr. Patriotismus pur am Patriots-Day. Nach ca. 4 ½ Stunden Wartezeit
erfolgte endlich um 12.00 mittags der Start. Die Mittags-Sonne brannte gnadenlos
vom Himmel. Erst ca. 7 Minuten nach dem offiziellen Startschuss überquerte ich
die Startlinie. Durch die elektronische Chip-Messung ist dies aber kein
Nachteil. Die Strasse ist hügelig und geht immer geradeaus. Die Sonne im
Rücken, den störenden und kräftezehrenden Gegenwind (headwind) ständig von
vorne. An der gesamten Strecke hielten sich weit mehr als 2 Millionen Menschen
auf. Es herrschte eine, von mir noch nie erlebte unbeschreibliche Stimmung mit
einem extrem hohen Lärmpegel. In den meisten USA-Marathons wird als
Längeneinheit nur die Meile ausgeschildert. Für uns Europäer ist das meist
etwas problematisch. In Boston hingegen, wurden auch alle 2 km die km-Marker
angezeigt. Auf den ersten 5 km war ein Überholen beinahe unmöglich. Allerdings
waren die Läufer vorbildlich in Leistungsgruppen eingeteilt worden, so dass
große Stockungen unterblieben. Bis km 15 ging alles gut. Nach ca. 18 km merkte
ich, dass ich das Anfangstempo (8 Minuten per Meile) nicht durchstehen würde.
Ich nahm etwas Geschwindigkeit heraus und verlor prompt bis zur
Halbmarathonmarke beinahe 3 Minuten. Meine half-way time lag bei 1.47 Stunden.
Nach ca. 23 km spürte ich die ersten Anzeichen von Waden- und
Oberschenkel-Krämpfen. Ich musste immer wieder stehen bleiben, um die
schmerzhaften Krämpfe aus der Muskulatur zu drücken. Meine Laufintervalle
wurden immer kürzer. Es war die reinste Tortur. Bei jedem Marathon in
Deutschland hätte ich (erstmals) aufgegeben, aber in Boston kam das nicht in
Frage. Bei Mile 20 (32 km) beginnt der berühmt, berüchtigte Heartbreak-Hill.
An diesem fällt in der Regel die Rennentscheidung bei den Spitzenläufern. Mehr
gehend als laufend erklomm ich den Hügel. Als ich endlich km 37 erreicht hatte
und die Hochhäuser von Boston downtown zu sehen waren, brach ich völlig ein.
Die Krämpfe waren zeitweise gleichzeitig in beiden Beinen. Mehrmals musste ich
mich am Streckenrand hinsetzen und war auf die Hilfe von mitleidigen Zuschauern
angewiesen. Ihre lautstarken Anfeuerungen wie `you got it` oder `great job`
halfen mir nicht mehr im geringsten. In dieser Phase waren sie mir geradezu
lästig. Auf völlig verkrampften Beinen stakste ich dem Ziel entgegen und wurde
dabei von tausenden Läufern überholt. Für die letzten 2,2 km benötigte ich
über 20 Minuten. Nach 4.13,57 Minuten überquerte ich die Ziellinie.
Dort standen in vorbildlicher Weise Helfer zur Verfügung. Ich wurde in einen
Rollstuhl gesetzt und sollte zur medizinischen Versorgung gebracht werden. Mit
Müh und Not konnte ich dies verhindern, da ich mich (reichlich verspätet) mit
meiner Frau am Meeting-Point treffen wollte. Nach der Übergabe der
Finisher-Medaille hatte die Qual ein Ende. Allerdings hatte ich noch tagelang
Schmerzen in den Beinen. Am Boston-Marathon waren 17.548 Teilnehmer am Start.
17.030 haben den Lauf erfolgreich beendet. Die Ausfallquote von unter 3 % ist
extrem niedrig. Mein Platz: 11.998.
Nachdem ich inzwischen genügend Abstand gewonnen habe, bin ich froh, dass ich
den Lauf durchgestanden habe. Es wird mir allerdings auch eine Lehre sein. Nie
wieder werde ich unter diesen körperlichen Voraussetzungen einen Wettkampf
bestreiten.
(Peter Dabs)